Die Blindschleiche

6 01 2009

Die Blindschleiche, um die es in unserem Märchen geht, heißt Olaf. Olaf wurde irgendwann an irgendeinem Herbstmorgen in irgendeinem Jahr geboren! Seine Mutter beschloss, ihn Olaf zu nennen. Kein Wunder, dass sie einen Tag später von einem Mäusebussard gefressen wurde, weshalb Olaf in ein Waisenhaus musste! Kein Waisenhaus für Blindschleichen, das wäre ja albern! Nein, es handelte sich um ein Waisenhaus für elternlose Bären. Dort musste sich Olaf seither einiges gefallen lassen, denn auch wenn die Erzieherinnen ihm falsche Ohren angeklebt hatten, so merkten die Bären trotzdem, dass Olaf keiner von ihnen war und hänselten den armen Kerl! Das könnte einer der Gründe sein, weshalb er sich schon in jungen Jahren nach Ruhm und Reichtum sehnte! Nur war die Frage, was er tun sollte, um reich und berühmt zu werden! Sein erster Gedanke war, ein berühmter Fußballer zu werden. Einige der Bären spielten gerne Fußball, aber immer wenn er mitspielen wollte, lachten die Bärchen und sagten: „Aus dir wird nie ein Fußballer werden, du hast ja gar keine Füße, um den Ball zu treten!“ Und dann ärgerte sich Olaf und verließ das Feld! Dennoch vergaß er seinen Traum vom Erfolg nicht! Als nächstes kam ihm in den Sinn, ein populärer Tennisspieler zu werden, doch als er mit den anderen Bärchen spielen wollte, lachten diese und spotteten: „Aus dir wird nie ein Tennisspieler werden! Du hast ja gar keine Hände, um den Schläger zu halten!“ Und wieder zog sich Olaf zum Schmollen in sein Zimmer zurück. Dennoch vergaß er seinen Traum vom Erfolg nicht! Bald darauf wollte er ein berühmter Basketballspieler werden, doch als er mit den anderen Bärchen spielen wollte, lachten diese und sagten: „Aus dir wird nie ein berühmter Basketballspieler werden! Du bist ja gar nicht schwarz!“ So zog Olaf ein weiteres Mal von dannen, dennoch vergaß er usw.
Als er von einer Karriere als Völkerballspieler zu träumen begann, lachten die Bärchen und meinten: „Bist du jetzt ganz verblödet?! Wer wird denn bitte schön berühmt, indem er Völkerball spielt?! Verpiss dich!“ Und Olaf, ein wenig abgestoßen von der Wortwahl der Bärchen, verpisste sich. „Ach, zum Teufel mit Sport! Sport ist was für Arschlöcher!“, dachte sich die zornige kleine Blindschleiche.
Dann, als er sich eine Kassette seiner Lieblingsband „Die etwas ungehobelten Kothaufen, die von oben wie kleine Inselchen mitten in einem unhygienischen, grünen Sumpf aussehen“ anhörte, kam ihm in den Sinn, Rockstar zu werden. Bei seiner ersten Gitarrenstunde fiel ihm allerdings auf, dass er keine Hände hatte, um die Gitarre zu bedienen. Ähnliche Probleme traten bei seinen Stunden für Klavier, Bass, Schlagzeug und Trompete auf. Hätte der kleine Olaf das nur bemerkt, bevor er die Instrumente gekauft hatte. Satz mit X, da war er selber Schuld X! Musik Schmusik, dachte sich Olaf und sann weiter darüber nach, wie er seinen Traum realisieren könne. Seine Instrumente hatte er inzwischen den anderen Bärchen geschenkt, und mit „geschenkt“ meine ich, dass sie ihn verprügelt hatten und sich die Instrumente einfach geschnappt hatten. Dieselben Bärchen gründeten kurz später eine Hardrockband, und mit „eine Hardrockband gründen“ meine ich, sie verscherbelten die Instrumente um sich Heroin zu kaufen! Und wenn sie nicht inzwischen an einer Überdosis krepiert sind, dann sind sie noch heute tüchtig süchtig! Haha!
Zurück zu unserem Freund Olaf, denn langsam machte sich leichte Verzweiflung breit in seinem Blindschleichenkopf, hatte er doch schon so viel versucht, ohne dabei irgendwelchen nennenswerten Erfolg ernten zu können! So schlug er die Zeitung auf, um nach neuen Möglichkeiten Ausschau zu halten. Da entdeckte er einen Bericht, dass in der Stadt zurzeit ein Spielfilm gedreht würde und sie noch Verwendung für Darsteller hätten! Darunter stand eine Adresse, an die man die Bewerbungen schicken solle. Das ließ er sich nicht zweimal sagen! So schickte er seine Bewerbung weg, als Foto fügte er ein Foto eines jungen Blonden Athleten bei, das er in einer Sportzeitschrift aus dem Jahr 1875gefunden hatte, und bekam noch am selben Tag einen Termin für ein Vorstellungsgespräch! Das war endlich eine Chance, dachte sich Olaf, zog seinen besten Anzug, Menschenanzug nicht Blindschleichenanzug, an und machte sich auf zum Filmset. Der Direktor des Films, ein Mann Ende 40 mit Vollbart und roter Baseballkappe, bat ihn in sein Büro. Wie sich herausstellte, suchten die Filmleute ein Stuntdouble für ihren Hauptdarsteller James, und der Umstand, dass Olaf kein 24-jähriger dynamischer, blonder Athlet, sondern eine Blindschleiche war, bedeutete gar nichts, so der Direktor, solange man ihm eine Perücke aufsetzte. So kam es, dass Olaf eine Rolle als Stuntdouble von dem berühmten James in dem Blockbuster „Kugeln Im Arsch IX“ bekam! Allerdings wurde er von der Firma übel aufs Kreuz gelegt, denn seinen Namen konnte man im Abspann und überhaupt nirgendwo finden! Und da Olaf mit Perücke wirklich ziemliche Ähnlichkeit mit dem menschlichen Hauptdarsteller hatte, konnte er sein Mitwirken am Film nicht beweisen. Hätte er das nur schon gewusst, bevor er den teuren Anwalt angeheuert hatte. Armer, einfältiger Olaf!
Nun ja, wie ihr euch sicher vorstellen könnt, war es alles andere als einfach, weitere Rollen zu bekommen, wenn man keine offiziellen Rollen vorzuweisen hatte. Er bewarb sich zuerst für eine Nebenrolle in einer Sitcom, aber die männlichen Hauptdarstellerinnen fühlten sich laut Eigenaussage nicht wohl in seiner Anwesenheit! Zwar bekam er eine Rolle in einem Politthriller, aber da in dem Film weder nackte Frauen noch Schießereien und Explosionen vorkamen, interessierte sich keiner für den Film und der Film hatte den negativen Zuschauerrekord von einem Zuschauer bekommen! Und das war Olaf. Ja, die anderen Mitwirkenden wollten den Film selber nicht mehr sehen! Das machte seine Schauspielerbiographie natürlich noch beschissener und dementsprechend kamen so ziemlich alle Bewerbungen zurück. Sogar seine Bewerbung für den Zoo wurde abgelehnt mit der Begründung, und ich zitiere: „Wer zum Henker will sich denn im Zoo eine Blindschleiche ansehen?! Die Dinger find ich schon lästig, wenn ich sie beim Spazierengehen entdecke! Ich hoffe, sie werden überfahren! Mit freundlichen Grüßen: Der Zoodirektor“. Allmählich musste Olaf realisieren, dass die das Showbusiness weit weniger glamourös war, als er dachte. Dasselbe galt für den Broadway, denn die Bären, die dort gearbeitet hatten, machten sich nur über seine Stimme lustig und bewarfen ihn mit Torten. Ein lokaler Idiot, der dies beobachtet hatte, fand es zum Brüllen komisch.
Eines Tages beschloss er, sein Glück beim Zirkus zu versuchen. Zuerst versuchte er, zu jonglieren, scheiterte jedoch an dem Nichtvorhandensein seiner Hände. Da der Zirkusdirektor jedoch Mitleid mit Olaf hatte und einer seiner Löwen neulich verstorben war(Was muss das dämliche Vieh auch gegen einen Elektrozaun pinkeln, vor allem, warum gegen einen, an dem „Vorsicht, Starkstrom!“ dran steht?! Wenn Löwen lesen könnten, gäbe es viel weniger solcher Probleme!), setzte er Olaf vorübergehend als Löwen ein, und da sein Publikum sowieso nur aus einigen Junkies bestand, die in das Zelt kamen, weil es darin warm war, fiel das keinem auf! Irgendwann jedoch stieg der Messerwerfer Fritz Gans ganz plötzlich aus dem Zirkus aus, um gesuchter Massenmörder zu werden, und so kam es, dass der Zirkus soeben um seine Hauptattraktion, das Werfen eines Mannes namens Gans mit Messern auf Frauen die an eine rotierende Scheibe gefesselt sind, gekommen war! So nicht, dachte sich der Zirkusdirektor und verdonnerte kurzerhand Olaf, sein neuer Messerwerfer zu sein! Olaf hatte große Angst, war er doch zuvor immer nur eine Nebenrolle als Raubtier gewesen, so müsse er nun, wohl wissend, dass alle ihn anstarrten, mit tödlichen Geräten auf rotierende Frauen werfen. Was wenn er versagte? Doch glücklicherweise war seine Sorge unbegründet, denn als er vor einer Aufführung das Messerwerfen üben wollte, schlitzte er sich beim Versuch, ein Messer aufzuheben, auf und wäre beinahe daran verblutet. Der Zirkusdirektor war so sauer, dass er Olaf auf 10 Milliarden Schadensersatz verklagte. Und gewann.
Olaf unterdessen kam in einem Krankenhaus wieder zu sich und kaum war er halbwegs stabil, erfuhr er auch sogleich von seinen horrenden Schulden, die er dank der erfolgreichen Klage des Zirkusdirektors nun begleichen musste. Gleich dabei war auch eine Klage eines Comicverlags, die ihn auf 1000 Euro Schadensersatz verklagte, weil er es gewagt hatte, ihnen einen Bewerbungscomic zu schicken, der nun wirklich unter aller Sau war!
Die Lage schien hoffnungslos und Olaf ließ verzweifelt den Kopf hängen. Doch eben in diesem Moment erschien ihm ein Geist! Also kein Geist in dem Sinn, ein 67-jähriger Mann, namentlich Erwin Geist, der zusammen mit ihm im selben Zimmer lag, und „Erscheinen“ insofern, dass er die ganze Zeit, seit Olaf wieder bei Sinnen war, auf dem Klo verbracht hatte, da er unter einer gemeinen Verstopfung litt. „Was ist los mit dir, Jungchen, Verzeihung, Blindschleichchen?“, fragte der freundliche alte Geist. Und Olaf schüttete ihm sein Herz aus, bezüglich seines Traums, seiner gescheiterten Versuche, seiner Verletzung und seiner enormen Schulden. Da lächelte Erwin freundlich und klopfte Olaf auf die Schulter, bzw. auf die Stelle unterhalb des Blindschleichenkopfes, wo eine Schulter wäre, wenn Blindschleichen eine hätten und sagte: „Mein Lieber, lass den Kopf nicht hängen! Schön, du hast vieles versucht und bist oft gescheitert, aber das ist doch nicht deine Schuld! Du kannst nichts dafür, dass du eine Blindschleiche bist und noch viel weniger ist es deine Schuld, dass Blindschleichen einfach nichts können!“ Olaf fühlte sich darauf noch schlechter und fing an zu weinen, da sprach Erwin weiter: „Hey, lass mich doch ausreden! Ich glaube, ich weiß, wie du alle deine Probleme auf einen Streich lösen kannst!“ Darauf hin wischte sich Olaf die Tränen aus den Augen und wurde aufmerksam, und als er sich nach der Lösung erkundigte, antwortete ihm der alte Geist: „Na, ganz einfach, du musst deine Biographie veröffentlichen!“ Das irritierte Olaf und er gab zu bedenken, dass er keine Hände habe zum Schreiben. „Aber das macht doch nichts, dafür gibt es doch Ghostwriter! Und wie der Zufall es will, bin ich einer! Gestatten: Ghostwriter Erwin Geist!“
Dann bemerkte Olaf weiter, dass er als Blindschleiche doch gar nicht das rhetorische Talent für einen Autor habe, und sei es auch nur zum Diktieren. Zudem, wer will schon die Lebensgeschichte einer Blindschleiche lesen? Das kostete Erwin ein müdes Lächeln: „Mein lieber Freund, sag, hast du dich je in einem Bücherwarenladen umgesehen? Da wimmelt es nur so von Biographien, und sehr viele, die ihre Biographien veröffentlichen, sind Blindschleichen! Und solange du in deine Geschichte die ein oder andere sexuelle Affäre einbaust und vielleicht noch den ein oder anderen Penisbruch einbaust, glaub mir, dann werden die Leute das Buch kaufen!“ Das überzeugte Olaf vollkommen und er willigte ein, seine Biographie mit Geist als Ghostwriter zu verfassen. Und dank eines Kumpels von Geist, der Buchkritiker war und daher behauptete, das Buch sei nichts weiter als primitive Pornographie, kauften die Leute das Buch, als hinge ihr Leben davon ab! Weltweit verkaufte das buch sich über 60 Milliarden Mal, so dass Olaf seine Schulden locker bezahlen konnte und fortan frei war. Vom Rest des Gewinns gingen er und Geist saufen!
Und so hatte es Olaf doch noch geschafft, seinen Traum wahrzumachen, und als er fünf Jahre später eine zweite Biographie, die zwar noch schweinischer als die erste wahr, mit selbiger allerdings gar nichts mehr zu tun hatte, fiel das keinem auf und er verdiente sich wieder eine goldene Nase. Übrigens ließ er alle Bärchen, die je über ihn gelacht hatten, umbringen und zu Pelzmänteln verarbeiten! Das hatten sie jetzt davon!

Advertisements

Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




%d Bloggern gefällt das: